Elisabeth von Helldorff: Was kann die Wirtschaft von der Kunst lernen?

Elisabeth Helldorff

Elisabeth von Helldorff ist Gründerin der Agentur Schwarz+Weiss und hilft Unternehmern dabei, innovativ zu bleiben. Im Interview erklärt sie uns, warum ihre Begeisterung für Kunst sie zu einer leidenschaftlichen Strategieberaterin macht.

Frau von Helldorf, Sie haben eine Agentur für Design Thinking und Artistic Thinking. Was ist das?

Wir sind zunächst einmal ein Team von Personen, die aus verschiedenen Fachgebieten kommen. Und das trifft bereits unser Kernthema: Wir arbeiten interdisziplinär und helfen unseren Kunden dabei, interne Veränderungsprozesse anzugehen. Dazu beleuchten wir ihre Unternehmensphilosophie, ihre Arbeitsweise, und ihre Teamstrukturen, und zwar auf eine andere Weise als sie dies bisher getan haben. Unsere Werkzeuge sind zum einen Design Thinking, und zum anderen die Arbeit mit Künstlern. Konkret heißt das, dass wir für ein Unternehmen, das etwa seine Kommunikationsstrategie verändern möchte, interdisziplinäre Workshops durchführen, und dazu auch einen Künstler einladen, der viel mit Kommunikation arbeitet. Sie werden mich fragen, warum wir das machen.

Ja…

Weil man Künstlern genau die Fähigkeiten zuspricht, die gerade auf dem Arbeitsmarkt gefordert werden: flexibles Arbeiten, Dinge ausprobieren, hierarchischen Strukturen aufbrechen. Viele Organisationen finden es spannend, von Künstlern eine ganz andere Arbeitsweise zu lernen. Bei Kunden, denen dieser Ansatz zu abgefahren ist, arbeiten wir viel mit Design Thinking.

Worin liegt der Unterschied?

Design Thinking ein strukturierter Prozess, bei dem es generell darum geht, neue Ideen zu entwickeln. Die Grundüberlegung dahinter ist, die Arbeitsweise eines Designers so herunter zu brechen, dass sie in Organisationen anwendbar wird. Das bedeutet, man geht nicht von den technologischen Möglichkeiten aus, um im Nachhinein zu überlegen, wie man das Produkt verkaufen könnte, sondern man sieht sich zunächst den Kunden näher an, findet heraus, was ihm fehlt. Für seine Bedürfnisse konzipieren wir das Produkt, und schauen dann wiederum, was technisch machbar ist. Wir bringen Mitarbeitern und Führungskräften bei, nicht vom eigenen Wissensstand auszugehen, sondern zunächst zu fragen, was der Markt braucht.

Funktioniert dieser Ansatz auch in Unternehmen, in denen die Mitarbeiter keine unterschiedlichen Backgrounds mitbringen?

Gerade für die ist es interessant, uns reinzuholen. Üblicherweise arbeiten wir mit Unternehmen, die sehr traditionelle Strukturen haben, wo aber – das muss man dazusagen – immer jemand in der Führungsebene sitzt, der sehr offen für neue Prozesse ist.

Das heißt, Ihre Kunden kommen schon mit einem konkreten Problem zu Ihnen?

Das ist unterschiedlich. Manche sagen “wir brauchen ein Produkt”, manche wollen einfach mal ausprobieren, was alles möglich ist. In diesem Fall erarbeiten wir mit dem Kunden gemeinsam eine konkrete Fragestellung. So war es zum Beispiel bei unserem Fotoprojekt im Liebherr-Werk in Ehingen, einem großer Arbeitgeber in einer ländlichen Region, bei dem die Mitarbeiter sich sehr wohl fühlen und gerne bleiben. Ziel war es, ihnen eine neue Form geben, um das zu zeigen. Deshalb haben wir eine Fotostrecke konzipiert. Das ist ganz klar eine Frage der Personalentwicklung: Das Unternehmen möchte, dass die Mitarbeiter sich wohlfühlen und ihnen die Chance geben, zu zeigen, was sonst noch in ihnen steckt. Dass sich ein Unternehmen im Nachhinein über eine solche Fotostrecke oder eine Ausstellung medial in Szene setzen kann, wenn es möchte, ist nochmal eine ganz andere Geschichte.  Liebherr hat sich damals aber für eine rein interne Nutzung entschieden.

Das Beispiel ist sicher interessant für viele Unternehmen, für sich in den kommenden Jahren verstärkt gesellschaftlichen Herausforderungen wie dem Fachkräftemangel oder einer alternden Belegschaft stellen müssen. Bei welchen Herausforderungen können Sie helfen? 

Was wir können, ist, Unternehmern beizubringen, Menschen wieder besser zu verstehen, indem sie sich Dinge genau und anders angucken. Gerade für ältere Arbeitgeber kann es zum Problem werden, dass sie die jüngere Generation nicht gut kennen. Ihnen ist bewusst, dass eine Anzeige in der Zeitung die Jungen nicht anspricht, wissen aber nicht, was sie sonst tun könnten. Das ist etwas, was man mit Design Thinking erarbeiten kann. Wie ich vorhin gesagt habe, sollte die Frage nicht lauten “Was habe ich eigentlich, um junge Fachkräfte anzuwerben?”, sondern vielmehr “Was wollen sie eigentlich?”

Sie bieten also nicht nur einzelne Workshops an, sondern begleiten den gesamten Prozess als eine Art Mentor?

Grundsätzlich brauchen Innovationsprozesse Zeit, sei es die Entwicklung einer ganzen Region oder eines kleinen Betriebs. Im Idealfall haben wir sechs bis neun Monate Zeit, um mit dem Unternehmen zu arbeiten. Zunächst besprechen wir mit der Führungsebene, welche Problemstellung wir mit welchen Mitarbeitern angehen. Alle zwei Monate findet zum Beispiel einen Workshop statt. In der Zwischenzeit versuchen die Teilnehmer, die Ergebnisse in ihrem Arbeitsalltag zu verankern und schreiben eine Reflektion. Am Ende des Prozesses steht eine große Idee, beispielsweise in Form einer Broschüre oder Ausstellung. Wichtig ist, nicht nur ein glänzendes Bild zum Vorzeigen zu haben, sondern dass das Erlernte im Alltag Platz findet. Das gemeinsame Erleben einer Ausstellung oder Aufführung hilft dabei, das Ganze greifbar zu machen.

Dafür wenden Sie sehr unterschiedliche Methoden an.  

Wir entwickeln für jeden Kunden individuelle Methoden. Zum Beispiel sollten wir ausländischen Studierenden in einem Seminar and die deutsche Wirtschaft heranführen. Also haben wir eine Startup-Tour durch Berlin gemacht, bei der jeder Student eine eigene Aufgabe bekam. Einer sollte etwa nur auf die Wände in den Unternehmen achten, einer darauf, was die Leute essen, einer sollte die Geräusche aufnehmen. Sie haben angefangen, Wert auf Dinge zu legen, die ihnen vorher nicht aufgefallen sind. So haben sie verstanden, wie unterschiedlich die Arbeitskulturen sind, und dass es zum Beispiel im betahaus anders zugeht als im Haus der Deutschen Wirtschaft. Die Teilnehmer haben begriffen, was der Charakter einer Organisation ist – und was letztlich den Unterschied ausmacht. Wir versuchen mit vielen verschiedenen Formaten, Menschen auf all diese kleinen Dinge aufmerksam zu machen.

Ist es das, was die Wirtschaft von der Kunst lernen kann? Genau hinsehen?

Das Entscheidende ist, dass in der Kunst gelten nicht die Kriterien gelten, die in der rationalen Welt gelten. Gerade in der komplexer werdenden Welt suchen die Menschen wieder mehr nach dem Sinn hinter den Dingen. Das ist eine große Herausforderung für die Wirtschaft. Plötzlich fangen die Leute wieder an, sich ihren Kaffee zuhause selbst zu rösten. Nicht, weil er besser schmeckt, sondern weil sie einen Sinn darin suchen. Kunst kann Sinn und Ausdruck geben. Das kann die Wirtschaft von ihr lernen.

An welchen Stellschrauben im Unternehmen kann man drehen, ohne große Mittel einzusetzen?

Wenn man etwas verändern möchte, schaut man zunächst nicht auf die Zahlen, sondern man sieht sich genau an, wie es läuft: Wie sitzen die Leute eigentlich, wer isst zusammen mit wem, worüber wird gesprochen? An diesen kleinen Dingen kann man anfangen, zu schrauben – sei es, dass man die Einrichtung verändert oder einen Mitarbeiterchor ins Leben ruft,  weil man festgestellt hat, dass die Hälfte der Leute gerne singt.

Sie selbst sind Cellistin und studierte Kulturwissenschaftlerin. Was hat sie eigentlich dazu gebracht, sich mit Unternehmensprozessen auseinanderzusetzen? 

Ich hatte schon sehr früh ein starkes Interesse dafür. Meine Eltern sind Naturwissenschaftler, und meine drei Brüder sind alle Ingenieure und Informatiker geworden. Ich war die einzige in der Familie, die sehr musisch veranlagt war. Mich hat schon immer mit der Frage beschäftigt, wieso wir unterschiedliche Dinge können. Weil unsere Sicht auf die Dinge teilweise so unterschiedlich war, habe ich auch angefangen, mich dafür zu interessieren, wie man Denkweisen vermitteln kann. Das ist auch der Grund, warum ich Kulturmanagement studiert habe – nicht so sehr, weil ich die klassische Kulturvermittlung im Theater so interessant fand, sondern eher, um zu verstehen, was sonst noch in der Kunst steckt. Schwarz+Weiss habe ich noch während des Studium gegründet. Und an der School of Design Thinking am HPI in Potsdam kamen langsam alle Bausteine für meine Unternehmensidee zusammen.

Und der Bereich birgt noch viel Potential – wie geht es weiter mit Schwarz+Weiss? 

Das Feld ist generell noch sehr jung und . Meine Mitgründerin Eva Breitbach beschäftigt sich intensiv mit dem Feld der Politik. Ich persönlich würde gerne noch tiefer in die Strategieberatung gehen und Unternehmensstrategien komplett aus unserem Ansatz heraus zu entwickeln. Ich bin gespannt, wie weit man da noch gehen kann.

Was treibt Sie an? 

Auf der einen Seite ist da mein eigener Antrieb: Mir macht es einfach Spaß, neue Dinge auszuprobieren. Auf der anderen Seite erleben wir, wie viele neue Perspektiven man Leuten eröffnen kann – auch wenn das bedeutet, dass man zunächst gemeinsam durch eine Durststrecke gehen muss.

 

Das Interview führte Katharina Fröschl

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