Schöne neue Arbeitswelt: Die neuen Arbeitnehmer kommen

“Guten Tag, ich bin der IT-Profi, den Sie suchen, und würde gerne meinen gut bezahlten Job an den Nagel hängen um für Ihr Familienunternehmen zu arbeiten.” Das klingt nach einem echten Glückstreffer!  Dabei ist die Zahl derer, die eine Inspiration und Work-Life-Balance dem Spitzengehalt vorziehen gar nicht gering, und es werden immer mehr. Bloß wie kommt man ran an den begehrten Fachkräftenachwuchs? Recruiting ist für viele kleine Unternehmen inzwischen zum mühsamen Ringen um Bewerber geworden. Doch eine handvoll Start-ups ist gerade dabei, die Art, wie Jobs auf dem Markt angeboten und gefunden werden, auf den Kopf zu stellen, und bieten damit vor allem Mittelständlern ganz neue Chancen, bei den begehrten Fachkräften zu punkten. Drei der spannendsten Plattformen kommen aus Berlin.

Recruiting vor 10 Jahren: Man stellt eine Stellenausschreibung auf seine Website, verbreitet sie auf den einschlägigen Jobportalen und wartet, bist geeignete Bewerber anrufen. Recruiting heute: Etwas schwieriger.

Die neuen Arbeitnehmer kommen

Gut ausgebildete, junge Arbeitnehmer, nicht selten schon sehr früh mit Berufserfahrung in internationalen Konzernen ausgestattet, sind anspruchsvoll und selbstbewusst. Denn die sogenannten “High Potentials” wissen genau was sie können – und vor allem was sie wollen. Wer sich bewusst für den Karriereknick entscheidet, der schaut beim Traumarbeitsplatz nicht nur auf den Gehaltsscheck, sondern hat in der Regel hohe Ansprüche an den Arbeitgeber: Fairness, Flexibilität, Nachhaltigkeit. Inspirierend und herausfordernd muss die Aufgabe sein. Man will Verantwortung übernehmen und gestalten dürfen, anstatt das eigene Talent in der postkapitalistischen Maschinerie zu verheizen.

Darum suchen sie auch keinen Job. Sie lassen sich einen Job empfehlen. Und zwar von einem komplizierten Algorithmus, der tausende von Stellenangeboten mit dem individuellen Profil abgleicht.

So funktioniert das Geschäftsmodell von Jobspotting, einem Berliner Start-up, das seit Anfang des Jahres auf dem Markt ist und “personalisiertes Job-Matching für IT-und Marketing-Professionals” anbietet. Die “Job Recommendation Engine” lernt sogar dazu und versteht mit der Zeit, welche Stellen einen besonders interessieren.

Entwickelt wurde Jobspotting – wie könnte es anders sein – von drei Ex-Google-Mitarbeitern.  “Die Jobsuche sollte ein aufregendes Abenteuer sein,” heißt es herausfordernd im Manifest auf der Website. Der Besucher der Seite merkt recht schnell: Hier ist man selbstbewusst. Die Zeiten des dienstbeflissenen und gefälligen Bewerbers gehören der Vergangenheit an. Denn, so Punkt 1 im Manifest: “Das Leben ist zu kurz für einen geradlinigen Karriereweg”

Arbeit oder Leben? Beides!

Das Leben ist zu kurz für einen Fulltime-Job, würden Anna Kaiser und Jana Tepe wahrscheinlich ergänzen. Sie sind die Gründerinnen von tandemploy, einem weiteren Berliner Start-up, das sich auf die Fahnen geschrieben hat, die gängige Recruiting Praxis zu revolutionieren.  Die Plattform ist darauf spezialisiert, Tandempartner für Jobs zu finden und diese Teams dann an Unternehmen zu vermitteln. Zwei Arbeitnehmer teilen sich eine Vollzeitstelle. Natürlich teilen sich auch die beiden Gründerinnen von tandemploy ihren Posten im Jobsharing.

Gut für die Work-Life-Balance und gut für die Motivation. Unternehmer haben eine voll besetzte Stelle und doppelte Kreativität, nicht zu vergessen das positive Image eines “Jobsharing-Pioniers”, heißt es. Die Website strotzt nur so vor lifestyligen Zitaten. Zielgruppe ist eine Generation, für die das Gehalt nicht an erster Stelle steht.

Gerade hier liegt eine Chance für Mittelständler. Kleinere Mittelständler können in der Regel nicht mit mit einem bekannten Namen punkten, haben nicht den Sillicon Valley-Sexappeal von Gründerbuden. Sie sind aber flexibler als Konzerne, und solider als Start-ups. Tatsächlich können viele Mittelständler genau das bieten, was die Generation Y sucht – sie müssen nur dafür sorgen, dass sie von der auch gefunden werden.

Bewerben Sie nicht ihre Stellenanzeige, verkaufen Sie Ihre Arbeitgebermarke

Noch einen Schritt weiter geht 4scotty.com, ein Jobvermittler, der es ganz gezielt auf IT-Spezialisten abgesehen hat. Hier werden Unternehmer zu Bewerbern: Sie können sich mit einem kostenlosen Profil präsentieren und können um Talente pitchen. Vermittelt werden ausschließlich Festanstellungen und – wird ein Arbeitsvertrag abgeschlossen, erhält der IT-Profi sogar noch 1000 Euro Provision.

Auf dem Arbeitsmarkt für Fachkräfte wird gerade jede Menge ausprobiert. (Fachkräfte)mangel erfinderisch, und es sieht so aus, als würden die “High Potentials” die Sache selbst in die Hand nehmen. Zeit und Talent genug haben sie ja.

Wer jetzt immer noch darauf wartet, bis das Telefon klingelt, ist selbst schuld.