Christina Grätz: “Wir sind den anderen einen Schritt voraus”

Christina Grätz, Gründerin von Nagola Re

 

In ihrem Unternehmen steckt viel Handarbeit und noch mehr Knowhow. Vor vier Jahren hat sich Christina Grätz mit der Idee selbstständig gemacht, stillgelegte Tagebauflächen in grüne Biotope zu verwandeln – und damit eine Marktnische im Sturm erobert.  Nun rüstet sie ihr junges Unternehmen Nagola Re bereits für das nächste große Geschäftsfeld:  die Produktion von regionalem Saatgut. Und auch hier ist sie Vorreiterin.

 

Frau Grätz, was macht Ihr Unternehmen Nagola Re?

Wir machen viele verschiedene Dinge, die alle mit Naturschutz zu tun haben. Ein wichtiges Geschäftsfeld sind naturnahe Begrünungen, bei denen wir mit heimischem Pflanzenmaterial Flächen neu begrünen und Biotope wiederherstellen. Daneben betreiben wir aber zum Beispiel auch Monitoring, das heißt, wir beobachten die Vegetation um Veränderungen festzustellen; wir erfassen seltene Arten und Lebensräume im ganzen Land Brandenburg, oder siedeln Ameisennester um. Seit Neuestem erzeugen wir außerdem regionales Saatgut.

 

Das sind ja schon sehr viele Geschäftsfelder für ein Unternehmen, das erst 2011 gegründet wurde. Was hat den Stein ins Rollen gebracht?

Meine Geschäftsidee kam ganz spontan auf mich zu. Ich habe in einem Ingenieurbüro gearbeitet, als der Betreiber vom Tagebau Jänschwalde meinen Rat als Expertin für regionale Vegetation suchte. Das Unternehmen musste Tagebaufolgeflächen begrünen, die aussahen wie eine riesige Mondlandschaft – und stand vor einer ganz neuen Herausforderung. Denn seit 2010 schreibt das Naturschutzgesetz vor, dass bei Begünungen in der offenen Landschaft nur noch gebietsheimisches Saatgut verwendet werden darf, also Saatgut, das genetisch aus diesem Gebiet stammt und auch hier vermehrt wurde. Es gibt verschiedene Methoden, mit denen man das erreichen kann, auch ohne speziell gezüchtetes Saatgut einzukaufen. Eine davon ist die Mahdgutübertragung, bei der die Mahd einer Wiese auf die zu begrünende Fläche aufgebracht wird. Als ich anfing, mich damit zu beschäftigen, stellte ich fest, dass an den Unis zwar viel dazu geforscht wurde, aber niemand die Ergebnisse in die Praxis umgesetzt hatte. Da wusste ich: Das will ich machen!

 

Ihr erster Kunde kam also auf Sie zu.

Genau. Das Problem an den neuen Rahmenbedingungen war nämlich, dass regionales Saatgut im Jahr 2010 nur in sehr kleinen Mengen verfügbar war. Für privatwirtschaftliche Unternehmen gilt deshalb eine Übergangsregelung bis 2020. Danach ist es definitiv nicht mehr möglich, für Begrünungen Saatgut zu verwenden, das nicht von hier stammt. Für die öffentliche Hand ist die Vorschrift bereits bindend. Viele Unternehmer, beispielsweise Straßenbaufirmen oder Landschaftsarchitekten, wissen gar nicht, dass die Regelung schon gilt. Die öffentliche Hand müsste sich eigentlich enorm um regionales Saatgut bemühen. Größtenteils passiert das aber noch nicht – es herrscht noch große Unwissenheit.
Außerdem könnten wir die Nachfrage mit unseren Begrünungsmethoden gar nicht abdecken, wenn bereits jetzt alle Auftraggeber gebietsheimisch arbeiten wollten. Dafür müsste Nagola Re ein riesiger Konzern werden.

 

Und das wollen Sie nicht?

Nein. Bis 2020 werden weitere Firmen entstehen müssen, die diesen Bereich ebenfalls abdecken und neue Lösungen finden. Denn der Naturschutz in Deutschland funktioniert nicht richtig. Sein großes Problem ist, dass Landwirte dafür bezahlt werden, ungenutzte Flächen zu mähen, das Hauptprodukt – das anfallende Mahdgut – aber Müll ist, der teuer entsorgt werden muss. Bei unserer Methode hingegen wird das Mahdgut zu einem wertvollen Begrünungsprodukt, das wir nutzen, um Neues zu schaffen. Als mir das aufgegangen ist, dachte ich: “Warum macht man das nicht schon ewig so?”

 

Sie leisten sozusagen Pioniersarbeit. Ihr Unternehmen ist ja sehr stark in der Region verwurzelt.

Genau, wir arbeiten richtig lokal. Die technischen Arbeiten, wie beispielsweise das Mähen, führen ansässige Landwirte durch – die Wertschöpfung findet also komplett vor Ort statt. Wir merken, dass die Akzeptanz für unsere Methode in der Bevölkerung und auch bei den Eigentümern der Flächen wächst.

 

Sie haben Ihr Unternehmen in einer Nische angesiedelt, die sehr komplex ist – sei es, das Wissen um die rechtlichen Rahmenbedinungen zu haben, oder das nötige Knowhow zur Herstellung von Saatgut. Haben Sie eine Monopolstellung?

Ja, bei naturnahen Begrünungen in Brandenburg auf jeden Fall. Die Mahdgutübertragung ist nur eine Methode von vielen, aber die erste, die wir dem Kunden als Paket anbieten können – mit festen Abläufen und Preisen. Wir bedienen bereits Kunden in ganz Brandenburg.

 

Uns in anderen Bundesländern gibt es auch kein vergleichbares Unternehmen?

Es gibt Saatgutproduzenten, die so etwas als Nebenleistung anbieten, doch dabei steht immer das Saatgut im Vordergrund. Wenn ich einen Kunden berate, verkaufe ich ihm nicht primär das Saatgut, selbst wenn ich dort eine höhere Gewinnmarge habe, sondern ich bin immer noch der Naturschützer, der das Beste für die Umwelt empfiehlt.

 

Der Erfolg gibt Ihrem ganzheitlichen Konzept Recht. Müssen Sie also ein Tausendsassa sein?

Wenn der Zug erst einmal rollt, passieren immer wieder Dinge, die sich zueinander fügen. Unsere Geschäftsfelder sind ineinander verzahnt. Wir können die gesamte Prozesskette abdecken und haben letztes Jahr bereits 450.000 Euro umgesetzt. Dank der Gewinne aus den bestehenden Geschäftsfeldern kann ich nun die sehr kostenintensive Saatgutproduktion aufbauen. Denn Eines ist klar: Alleine mit Mahdgut und anderen Methoden werden wir die großen Flächen, die ab 2020 auf uns zukommen, nicht abdecken können. Deshalb hat Nagola Re bereits im zweiten Geschäftsjahr angefangen, eigenes Saatgut herzustellen. Letztes Jahr haben wir erstmalig so viel produziert, dass wir es verkaufen konnten – damit sind wir einer der ersten Anbauer in Brandenburg. Gerade habe ich hohe Kredite aufgenommen, um unsere Gebäude zu sanieren und technische Geräte für die Saatgutproduktion nach neuesten Standards anzuschaffen. Wir sind allen anderen einen Schritt voraus – und jetzt werden wir Marktführer!

 

Viele hätten so frühzeitige Investitionen sicher gescheut. Wo haben Sie sich in der Gründungsphase Unterstützung geholt?

Ich stamme aus Unternehmerfamilie und hatte keine Angst vor der Herausforderung, mein eigenes Unternehmen zu gründen. Ich habe damals Fördermittel über die Zukunftsagentur Brandenburg beantragt und ein Coaching über die KfW-Bank wahrgenommen. Wichtig ist, zu wissen, was man kann und was nicht, also wann man sich professionelle Hilfe holen muss. Ich habe beispielsweise großen Wert darauf gelegt, dass unsere Webseite und das Corporate Design hochwertig sind. Auch wenn am Anfang das Geld knapp ist, da muss man eben sinnvoll investieren.

 

Müssen Sie überhaupt noch aktiv Kunden akquirieren?

Wir brauchen im Moment keine Werbung. Vielmehr müssen wir Aufträge ablehnen.

 

Gibt es aktuell etwas, was Ihrem Unternehmen noch fehlt? Mit wem würden Sie gerne zusammenarbeiten?

Ich vernetze mich bereits sehr aktiv und mit jedem kleinen Schritt öffnen sich neue Türen. Meine nächste große Idee wäre es, meine Methoden für andere Anwendungsgebiete weiterzuentwickeln, etwa für die Anspritzbegrünung von Böschungen. Das heißt, ich würde gerne Technik entwickeln, mit der ich mein Mahdgut an Böschungen spritzen kann. Dafür bräuchte man Fördermittel und eine Partnerfirma, die Lust auf ein gemeinsames F&E-Projekt hat. Ich bin an einem Punkt, an dem ich Lust habe, eine Weiterentwicklung anzustoßen.

 


 

Das Interview führte Katharina Fröschl.

Bild: Agentur BELLOT, Juliane Schünke